Folge des Westcoast-/Also-Deals: Komsa steckt in "Wachstumsfalle"

Von seiner Vision eines Milliarden schweren europäischen Distributors an der Seite des "Fusionspartners" Westcoast muss sich Komsa-Chef Pierre-Pascale Urbon verabschieden. Die ist geplatzt, weil Westcoast an Also verkaufte. Statt Komsa wird der nun fast 15 Mrd. Euro schwere Also-Konzern Wettbewerbern wie TD Synnex und Ingram Micro in Europa Paroli bieten.

Komsa-Chef Pierre-Pascale Urbon gewinnt mit Joe Hemani als voraussichtlichen Hauptaktionär von Komsa einen neuen Eigner, verliert aber "Fusionspartner" Westcoast an den Also-Konzern.

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Komsa-Chef Pierre-Pascale Urbon gewinnt mit Joe Hemani als voraussichtlichen Hauptaktionär von Komsa einen neuen Eigner, verliert aber "Fusionspartner" Westcoast an den Also-Konzern.

Komsa hat mit Westcoast-Gründer und Aufsichtsratsvorsitzenden Joe Hemani offenbar einen neuen Eigner gefunden, der nach Komsas Aussage die schrittweise vereinbarte Übernahme der Komsa-Anteile bis 2025 abschließen soll. Ob das sicher ist, ist freilich ungewiss. Denn eigentlich planten Komsa-CEO Pierre-Pascale Urbon und Kerstin Grosse, Vorsitzende des Komsa-Aufsichtsrats und Ehefrau des im Januar 2023 verstorbenen Komsa-Gründers Gunnar Grosse, etwas ganz anderes, als sich die Geschäftspartner in London mit Hemani trafen: Die Zusammenlegung der beiden Distributionskonzerne mit den Kernmärkten Großbritannien und Deutschland sowie den Ländern Irland, Frankreich und Benelux. Westcoast, rund 4 Mrd. Umsatz, Komsa mit rund 1 Mrd.: Es hätte ein neuer, europäischer Distributionsriese entstehen sollen. So zumindest noch Stand Frühjahr 2024, als Komsa-CEO Urbon seinen Mitarbeitern diese Vision darlegte.

Und sogar noch eine gewaltige Schippe Vision drauflegte: Organisches Wachstum (derzeit bei Komsa nicht drin: zuletzt sank die Gesamtleistung von Komsa im Geschäftsjahr 2022/23 um fast 10 Prozent auf 1,1 Mrd. Euro.) und Akquisitionen sollten Komsa/Westcoast in den kommenden Jahren auf 10 Mrd. Euro Umsatz wachsen lassen. Dann aber entschied Hemani, die Geschäfte von Westcoast an Also zu verkaufen. Aus dem großen angelsächsisch-sächsischen Distributionskonzern wird vorerst nichts. Komsa hat seinen "Fusionspartner" Westcoast verloren.

Mag sein, dass auch der um Visionen nie verlegene Brite Hemani an seinen Plänen festhält, als Eigner von Komsa in der Distribution zu bleiben. Aber ohne das Geschäft von Westcoast, das jetzt Also übernommen hat. So schließt sich übrigens der Kreis nach über 20 Jahren. 2003 wollte Hemani mit seiner Westcoast die Actebis Holding (Vorläufer von Also) von der Otto-Gruppe kaufen. Michael Urban hatte zuvor seinen Chefposten für den Neuen von der Insel geräumt. Aber schon dieser Deal platze schließlich damals.

21 Jahre später ist es umgekehrt und ein neuer Distributionsriese entsteht in Europa. "Die Arbeit begann mit einer guten Zusammenarbeit bei großen paneuropäischen Resellern und wurde fortgesetzt, als Westcoast Cloud das Panel von Also für sein erfolgreiches britisches Cloud-Geschäft nutzte", erläutert Alex Tatham der britischen CRN. Er war 15 Jahre Manager bei Westcoast und Geschäftsführer der britischen Landesgesellschaft. Mit dem Verkauf von Westcoast an Also trat er umgehend zurück.

"Keinen besseren Partner für die Kunden, Lieferanten und Mitarbeiter von Westcoast" als Also

"Das kombinierte Unternehmen wird ein Volumen von fast 15 Mrd. Euro haben und TD Synnex herausfordern - bei so vielen Möglichkeiten, die vor uns liegen, sollte der Zusammenschluss eine wunderbare Gelegenheit bieten, sie zu nutzen", sagt Tatham im CRN-Interview. "Es könnte keinen besseren Partner für die Kunden, Lieferanten und Mitarbeiter von Westcoast UK geben. Ich bin stolz darauf, dass ich dazu beigetragen habe, Westcoast an diesen entscheidenden Punkt zu bringen", so der Manager weiter.

Also/Westcoast ist demnach der neue europäische Player in Distribution, eine gewaltige Integrationsaufgabe mit der von Also größten Akquisition der Firmengeschichte steht dem Schweizer Konzern bevor. Und Komsa?

Komsa in "Wachstumsfalle"

CEO Urbon steckt nun wieder in der "Wachstumsfalle", wie er sie nennt. Aus der wollte er sich eigentlich mit "Fusionspartner" Westcoast befreien. Zu sehr auf Deutschland fixiert, zu wenig Potenzial für weiteres Wachstum: Mit einem Befreiungsschlag an der Seite von Westcoast wollte Urbon die Internationalisierung vorantreiben und einen 10-Mrd.-Euro-Distrubutionskonzern schmieden. Nun steht er zwar mit Joe Hemani als voraussichtlicher Eigener von Komsa da, aber ohne "Fusionspartner" Westcoast.