Zum Ausscheiden von Komsa-CEO Pierre-Pascal Urbon
Ein Manager kommuniziert nicht mit CRN, aber CRN mit besagtem Manager. Ein offener Brief an den scheidenden Vorstandsvorsitzenden der Komsa AG, Pierre-Pascal Urbon.
Sehr geehrter Herr Pierre-Pascal Urbon,
Sie haben sich entschieden, nach 5 Jahren als CEO bei Komsa den TK-Distributor Ende März zu verlassen. Komsa haben Sie offenbar zufriedenstellend durch das Rumpfgeschäftsjahr April bis Dezember 2023 mit einem stabilen Ergebnis vor Steuern geführt (Umsatz 896 Mio. Euro, wobei Sie sich zu 2024 nicht äußern), Sie haben, wie Sie sagen, Komsa "ausgezeichnet positioniert", und eine "moderne Unternehmenskultur" etabliert - was man halt so sagt, wenn man in einer Pressemitteilung eine persönliche Bilanz zieht. Normalerweise würde ich Sie jetzt um ein Gespräch bitten und einige Punkte ansprechen, die Sie meiner Meinung nach nicht hinreichend gewürdigt haben – ob aus Nachlässigkeit oder Bescheidenheit?
Die Übernahme von Komsa durch den britischen Distributor Westcoast beispielsweise, die Sie im für Komsa schwierigen Jahr 2022 angekündigt hatten und die mit der wohl restlichen Überschreibung der Anteile nun abgeschlossen scheint. Die Gruppe will ein 10 Mrd. Euro schwerer Distributionskonzern werden. Wie passt es da zusammen, dass Wettbewerber Also Mitte 2024 ankündigte, große Teile des Geschäfts von Westcoast zu übernehmen? Dass Komsa von diesem Deal nicht betroffen sei, wie Sie damals eilig nachschoben, lässt weiter viele Fragen offen. Auch jene Frage wäre interessant, warum Komsa die Distribution mit Huawei Enterprise nicht mehr hält.
CRN kann Sie zu allem nicht befragen. Sie haben bereits Anfang 2022 die Kommunikation mit uns abgebrochen, mich gegenüber einem geschätzten Kollegen des journalistischen Mitbewerbs zur persona non grata erklärt und wenige Jahre später meine Bitte zur Rückkehr eines wieder professionellen Dialogs abgelehnt. Ihr Groll und Ihre Verbitterung wegen eines früheren Interviews und Artikels kann ich verstehen, Ihre Reaktion und kommunikative Sanktion darauf nicht.
CRN führte nie und führt keine Medienkampagne gegen ein bestimmtes Unternehmen, wie man im Komsa-Management offenbar überzeugt ist. Das, was Sie als Kreuzzug meinen, ist Fachjournalismus. Im besten Fall ist er unabhängig und hinterfragt kritisch die Dinge. Sicher: bisweilen pointiert und vielleicht auch überzogen dargelegt. Irrtümer und Fehlinterpretationen passieren. Man kann sie auf juristischem Wege (einstweilige Verfügungen) von Gerichten korrigieren lassen, meiner Erfahrung nach aber besser im Dialog klären. Ein stummer CEO tut weder sich und erst recht nicht seinem Unternehmen einen Gefallen.
Sie haben Komsa durch einen harten Sanierungskurs geführt, so hart, dass viele langjährigen Komsianer die Firma verlassen haben oder gehen mussten. Das kommt in unserer Branche Zick Mal vor. "Lügner" hat ein Unbekannter auf den Boden zur Hofeinfahrt von Komsa gesprüht, wie ein mir zugespieltes Foto zeigte, das wir übrigens nicht veröffentlich hatten. Als ich Sie und Steffen Ebner im Interview nach dem Frustpotential bei Komsa gefragt hatte, herrschte Schweigen. Die von mir sehr geschätzte Frau F. von der Presseabteilung musste die Stille durchbrechen und erklärte in ihrer offensichtlichen Verzweiflung, dass die Sprühaktion auch auf das Konto eines Zeitarbeiters hätte gehen können oder einer anderen Firma auf dem Komsa-Gelände habe gelten können. Nun gibt es in unmittelbarer Nachbarschaft zu Komsa in Hartmannsdorf einen Fischhändler, dessen Ruf ich nicht beurteilen kann. Aber man weiß seit Asterix, dass der Ruf dieses Gewerbes nicht der beste ist. Spaß beiseite, sehr geehrter Herr Urbon.
Sie wollen sich neu orientieren, Ihre Erfahrung als Investor und Aufsichtsrat künftig jungen Technologieunternehmen weitergeben. Ihre Expertise in Finanzangelegenheiten mag hoch sein, in der dialogorientierten Kommunikation vor allem mit der Presse, die ja zweifellos sehr wertvoll für ein Unternehmen sein kann, würde ich Sie, mit Verlaub, nicht als Experten bezeichnen.
Zwei Beispiele, wie man zum Wohle eines Unternehmens mit Journalisten Umgang pflegen kann und sollte. Der CEO eines aufstrebenden Resellers musste seine ambitionierte Internationalisierung bereinigen und Auslandsbeteiligungen abschreiben, mit der Folge, dass die Zahlen tiefrot ausgefallen sind. Wenige Tage vor der Pflichtmeldung an der Börse bat er CRN um einen Besuch in der Firmenzentrale und erklärte uns die Hintergründe der katastrophalen Zwischenbilanz und die getroffenen Gegenmaßnahmen. CRN konnte als einziges Fachmedium die Hintergründe und den weiteren Ausblick auf das Unternehmen profund erklären und deuten. Es gibt eben nicht nur Anker-Investoren, sondern auch Anker-Medien. Ein CEO kann einen sehr vertrauensvollen Weg zu Journalisten aufbauen, der in schwierigen und schwersten Phasen die immer optimistische Sicht eines Managers zumindest teilweise in die Öffentlichkeit tragen kann.
Heute ist besagtes Unternehmen auf dem Weg zu einem 2-Milliarden-Systemhaus, der Kontakt zum Gründer und ehemaligen CEO ist bis heute sehr eng.
Wer den Dialog mit Journalisten beleidigt und dauerhaft verweigert, gibt die Deutungshoheit aus der Hand. Das ist nicht einmal einem der umstrittensten, teils rüden und schillerndsten CEOs aus der Distributionsbranche passiert. Den Kopf hat er CRN öffentlich auf einer Pressekonferenz vor verdutzten Börsenanalysten gewaschen wegen eines missliebigen Artikels, in dem viele Hersteller seine Beschaffungsstrategie heftig getadelt hatten. Wut und Frust entluden sich beim CEO, um nach einigen Monaten wieder ganz selbstverständlich mit CRN zu sprechen, wie wenn nie etwas vorgefallen wäre.
Ihnen, sehr geehrter Herr Urbon, wünsche ich … . Nein, ich habe Ihnen nichts zu wünschen, sondern an diesen Beispielen zu zeigen, besser eine dialogorientierte Kommunikation mit der Presse zu pflegen und das auch Ihren künftigen Klienten zu raten. Erfolge für Ihre kommenden Unternehmungen zu wünschen, sind ja bereits von anderen ausgesprochen. Diese von Journalistenkollegen und -kolleginnen auf Linkedin geposteten merkwürdigen Alles-Gute-für-weitere-Wege-Wünsche haben sich leider seit einigen Jahren in die Channelpresse eingeschlichen. Sie folgen wohl einer unreflektierten Nähe-Distanz-Haltung, dass Fachmedien zwar Teil dieses Channels sind und doch Abstand halten müssen, wollen sie Lesern und Leserinnen hinterfragende und kritische Einsichten bieten.
Mit besten Grüßen
Martin Fryba