Bechtle-CEO: "Wir haben keine strukturelle Krise sondern eine konjunkturelle"
Zwei Gewinnwarnungen, zwei Prognoserücknahmen in einem Jahr, das gab es bei Bechtle noch nie. 2024 wird daher auch kein Rekordjahr für das Systemhaus, zumal die Kosten kräftig gestiegen sind. Dennoch sieht CEO Thomas Olemotz keinen Grund, Bechtles Expansionsstrategie zu korrigieren. Eher das Gegenteil ist der Fall, wenn man auf eine Kennzahl blickt.
Vergangenen Monat hatte Systemhaus Bechtle bereits vorab über die Zahlen zum dritten Quartal 2024 berichtet. Weil konjunkturellen Belebungsimpulse weiter fehlen und das traditionell stärkste Jahresendquartal in diesem Jahr wohl eher mau bleibt, kassierte Bechtle die Jahresprognose. Nun kommt seit dieser Woche mit dem Aus der Berliner Ampelkoalition noch eine weitere Unsicherheit dazu. Inwieweit nun Behörden, eine wichtige Kundengruppe von Bechtle, ihre IT-Investitionen in den kommenden Wochen bis Jahresende weiter drosseln, ist unsicher, wie zurzeit die politische Lage in Deutschland auch. Immerhin: Für das dritten Quartal spricht Bechtle-Chef Thomas Olemotz von einer "schrittweisen Belebung des Geschäfts im Bereich Public". Im dritten Quartal des Vorjahres konnte Bechtle hier noch einen signifikanten Softwareauftrag in Höhe von 150 Mio. Euro verbuchen. Ein Auftrag in ähnlichem Volumen ist im Zeitraum dieses Jahres nicht zu verbuchen.
Mit Blick auf Deutschland und Frankreich sieht Olemotz "nach wie vor fehlende Nachfrageimpulse". Während das Geschäftsvolumen von Bechtle in Deutschland um 8 Prozent sank, stieg es dagegen international um über 10 Prozent. "Das zeigt, wie wichtig es ist, dass Bechtle international breit aufgestellt ist", sagt OIemotz am Freitagmorgen in einer Telefonkonferenz.
Kostendruck und sinkende Hersteller-Boni
Bechtle steht unter Kostendruck. Die Personalkosten steigen, ebenso Kosten für den Fuhrpark. Letzteres wäre in guten Jahren keine Erwähnung wert, aber bei 5.000 KFZ, die bei Bechtle europaweit im Einsatz und 40 Prozent davon E-Fahrzeuge sind, schlügen gestiegene Stromkosten und der Wegfall staatlicher Prämien für Elektrofahrzeuge ins Gewicht. "Wir sprechen hier nicht von einer Rundungsdifferenz". Daher erwähnt Olemotz diesen Kostenblock. Gleichwohl ist Elektrifizierung ein für Bechtle wichtiges Nachhaltigkeitsziel. "Daran halten wir fest".
Belastet wird die Bechtle-Bilanz auch von sinkenden Kickbacks von Herstellern. Infolge schleppender Kundennachfrage setzt Bechtle weniger Herstellerlösungen ab, schafft demnach vereinbare Umsatzziele nicht, so dass Vendoren weniger Boni auszahlen. Olemotz rechnet damit, dass die Herstellerboni in diesem Jahr 60 bis 70 Prozent des Vorjahresniveaus erreichen. "Die Gespräche [mit Herstellen] laufen noch", sagt er.
Bechtle achtet immer schon auf Kosten, man könnte angesichts schlechter ökonomischer Rahmenbedingungen auch Investitionen verschieben, gar drosseln und die Akquisitionsstrategie überdenken. Das schließt der Bechtle-Chef kategorisch aus, denn die Zukunftstrend in der IT-Branche versprechen Wachstum. "Wir haben keine strukturelle Krise sondern eine konjunkturelle", sagt Olemotz.
Volle Kasse für weitere Firmenübernahmen
Im abgelaufenen Quartal hat Bechtle jeweils zwei Systemhäuser in Großbritannien und Deutschland zugekauft. "Es gibt keinen Grund, von unserem M&A-Kurs abzurücken. Wir werden diesen Weg mutig weitergehen, auch in schwierigen konjunkturellen Zeiten", sagt Olemotz. Expansion in Europa bleibt im Fokus. Mit einem zum Ende September auf 290 Mio. Euro gestiegenen Cashflow sieht sich Bechtle finanziell bestens ausgestattet, um weiter zuzukaufen.
Nicht unwahrscheinlich, dass Bechtle früher oder später auch in den US-amerikanischen Markt eintritt. Olemotz hatte diese Perspektive schon früher angedeutet, aktuell aber bleibt Europa im Fokus.
Umgekehrt: dass ein größere Systemhäuser aus den USA nach Europa drängen und Bechtle die Stirn bieten könnte, US-Branchenriese CDW etwa, fürchtet er nicht. Es gab bereits von US-Playern Versuche, in Europa Fuß zu fassen. "Die haben sich in Europa nicht leichtgetan", sagt Olemotz.